Von Brasilianern erwartet man immer Geschichten über Indios oder die Abholzung des Regenwaldes. Die kennen sich schließlich damit aus! Darüber witzelte in diesem Jahr schon der Schriftsteller João Ubaldo Ribeiro beim Lusitanistentag in Wien. Das Publikum amüsierte sich prächtig über Ribeiros überspitzte Anekdoten, in denen er von brasilianidade-süchtigen Deutschen quasi dazu genötigt wird zuzugeben, dass in São Paulo natürlich ständig Horden von Indianern hinter den Skyscrapern hervorlugen.
Die Frage nach dem ‚Brasilianischen’ in ihren Texten wird auch der jungen Newcomerin Carola Saavedra häufig gestellt. Langsam hat sie diese Stereotype satt und leidenschaftlich argumentierte sie bei ihren Lesungen in Frankfurt und Berlin dagegen, brasilianische Schriftsteller auf klischeehafte Themen zu reduzieren: „Das Wort, das mir dazu einfällt ist Freiheit. Weshalb sollten brasilianische Schriftsteller immer nur über Indianer und Favelas schreiben? Sie sollen die Freiheit haben, es zu tun.“ Aber nicht das Diktat vom eurozentristischen Buchmarkt – oder der klischeehaft exotistischen Erwartungshaltung des typisch deutschen Lesers.
Ihren Humor verliert Saavedra jedoch selbst bei diesem notwendig ernsten Thema nicht. Die Frage, ob also auch ein Europäer ihre Romane hätte schreiben können, beantwortet sie lachend: „Nein, absolut nicht. Dieses Buch hätte nur ich schreiben können! Aber das nächste wird dann über ... Indianer sein! Nein, nein, nur ein Witz!“ Gerade diese Mischung aus Leichtigkeit und Ernsthaftigkeit, aus fundiertem, klugen Austausch und augenzwinkernden Kommentaren machten die zweisprachigen Lesungen von Carola Saavedra und ihrer Übersetzerin Maria Hummitzsch zu einem Genuss.

Carola Saavedra in der Brasilianischen Botschaft in Berlin. Foto (c) Peter Werner Schulze.
Alles dreht sich um die Sprache
Saavedras bisherige Romane kümmern sich nur am Rande um Fragen der Nationalität. Vielmehr stellen sie diese Fragen infrage: Inwiefern kann Identität überhaupt über Nationalität konstruiert werden? Ihr erster Roman etwa, Toda terça (Jeden Dienstag) lotet Gefühle von Fremdheit und Einsamkeit aus, Gefühle von der unüberwindbaren Trennung des Ichs und des Anderen, indem einer der Erzählstränge dem jungen, lateinamerikanischen Javier auf dessen Wegen durch die fremden Straßen Frankfurts folgt.
Ähnliche Erfahrungen hat auch Saavedra selbst gemacht. Acht Jahre lebte sie in Deutschland, eines in Frankreich und eines in Spanien. Sicherlich haben sie auch ihre Wanderjahre zu einer Schriftstellerin gemacht, die Identität stärker mit Sprache in Verbindung bringt, als mit nationaler Zugehörigkeit. „Die portugiesische Sprache ist mein Zuhause.“, bekräftigt die in Chile geborene, in Brasilien aufgewachsene 38-jährige.
Wichtig ist nicht, was du schreibst, sondern was gelesen wird
Auch in ihren Romanen ist die Sprache bestimmendes Element: Neben großen Themen wie Liebe und Freundschaft, Verlust und Freiheit, Abhängigkeit und Obsession, ist vor allem das Wie des Erzählens Knackpunkt der Romane – so nennt Saavedra selbst ihre Bücher Studien über unterschiedliche Erzählformen.
Sicher, Flores Azuis (Blaue Blumen) erzählt von einer Frau, die Liebesbriefe an einen verflossenen Liebhaber schreibt, der sie nie bekommen soll; und auch davon, dass die Briefe statt dessen einen Unbekannten erreichen, der sich seinerseits in die wiederum unbekannte Verfasserin verliebt. Damit spricht der Roman aber auch vom Verführen und dem Sich-verführen-lassen durch Worte, von einem Losgelöstsein des Textes vom Autor und von einem Leser, der seinen eigenen Text konstruiert. Flores Azuis erzählt also vom Schreiben nicht weniger als vom Lesen. Saavedra bringt die vertrackte Verbindung von Schriftsteller, Text und Leser auf den Punkt: „Wichtig ist nicht, was du schreibst, sondern was gelesen wird!“

Carola Saavedra und Maria Hummitzsch in der Brasilianischen Botschaft in Berlin. Foto (c) Peter Werner Schulze.
Rausreden is’ nicht!
In Toda terça weiß man erst ganz am Ende, welche teile des Rätsels man eigentlich gelesen hat und welche man sich dazu denken muss, um es zu lösen. Die Autorin jongliert mit Sprachspielen zwischen Wahrheit und Lüge, mit Zweifeln daran, ob man Sprache vertrauen kann und mit der Unmöglichkeit, der eigenen Geschichte zu entkommen: Neben bereits erwähntem Javier geht es um eine Frau, die ihrem Psychoanalytiker eine Lüge nach der anderen auftischt. Endlich mit dieser Provokation konfrontiert, erwidert der Analytiker unbeeindruckt, dass doch gerade die Auswahl der Lügen ihm mehr über die junge Frau enthüllen, als es die Wahrheit vielleicht je vermocht hätte. Das Spiel mit der Lüge ist also eine knifflige Angelegenheit – in dem, was wir dann doch erzählen, werden wir greifbar, werden wir individuell.
Solche Überlegungen zu Individualität und Originalität reflektierte Saavedra auf der Lesung in der Brasilianischen Botschaft in Berlin noch einmal auf andere Weise. „Weshalb schreiben Sie über die Liebe? Darüber ist doch schon alles gesagt!“, würde sie oft gefragt. „Zum einen glaube ich, dass die Liebe heutzutage eine andere Funktion hat als früher. Dreiecksbeziehungen oder Trennungen sind viel normaler. Diese andere Funktion interessiert mich. Ich sage nicht, dass es das alles nicht auch früher gab. Es gab alles schon einmal.“ Ginge es also nur ums Neue, Originäre, wäre nicht nur das Schreiben eine wenig aussichtsreiche Kunst. Doch gerade weil scheinbar schon alles gesagt ist, rückt in den Vordergrund, es anders zu sagen, es auf seine Art zu sagen, es für seine Zeit zu sagen.
Erzählen am Rande des Schreibens
Seine eigene Sprache zu finden ist die große Auseinandersetzung in Saavedras drittem und aktuellsten Roman Paisagem com dromedário (Landschaft mit Dromedar). Érika zieht sich auf eine Insel zurück, um mit verschiedenen Erfahrungen von Verlust zu Rande zu kommen: Ihre Freundin Karen verließ sie, als sie erfuhr, dass diese unausweichlich an Krebs sterben würde. Ihre Beziehung zu Alex zerbricht an der vorhersehbaren Abwesenheit Karens: Sobald sie als Stützpfeiler der amourösen Dreiecksverknüpfung fehlt, verliert auch das Gefüge aus Zärtlichkeit, Macht und Abhängigkeit zwischen Alex und Érika jede Kraft. Neben dem Verlust ihrer wichtigsten Bande, muss Érika, die künstlerisch immer im Windschatten des erfolgreichen Alex stand, auch noch den Verlust ihres Selbstbewusstseins als Künstlerin bewältigen. Dies macht sie auf ihre eigene Weise. Statt Alex Briefe zu schreiben, nimmt sie Nachrichten an ihn auf. Und versucht so, ihre eigene Stimme zu finden, ihre eigene Identität.
In Paisagem com Dromedário klingt also der Verlust des Glaubens ans Schreiben an. Wie kann durch den Klang von Worten und Tönen erzählt werden? Wie kann das Erzählen außerhalb des geschriebenen Wortes stattfinden?

Carola Saavedra und Maria Hummitzsch in der Brasilianischen Botschaft in Berlin. Foto (c) Peter Werner Schulze.
Carola Saavedra und ihre Übersetzerin Maria Hummitzsch ließen das eindrucksvoll bei ihren beiden Lesungen in Deutschland hören – was aufhorchen ließ: Mittlerweile sind einige deutsche Verlage dringend an der jungen Autorin interessiert, die in diesem Jahr zum zweiten Mal für den begehrten Literaturpreis Jabuti nominiert ist. Daran, dass spätestens zur Buchmesse 2013 eine deutsche Übersetzung vorliegen wird, scheint kein Zweifel mehr. Dass Maria Hummitzsch Saavedras deutsche Stimme wird, ist dagegen noch unklar, bleibt aber durchaus zu hoffen. Denn auch damit würden weiterhin auf wunderbare Weise Klischees gebrochen: Während Saavedra ihre Texte mit fester, beinah fordernder Stimme liest, schmeichelt Hummitzsch Ton sich sanft und samtig ins Ohr. Von wegen Deutsch klinge hart gegen den zarten brasilianischen Singsang! Es hängt alles vom Wie ab...
Text: Barbara Bichler
Mit besonderem Dank an Peter Werner Schulze für die freundliche Überlassung der Fotos.
25.10.2011
Jeden Dienstag ein blaues Dromedar - Newcomerin Carola Saavedra über ihren neuen Roman und ihr Schreiben
Deutsch
von Barbara Bichler
Barbara Bichler (*1980) studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft,
Portugiesisch, Kunstgeschichte und Deutsch als Fremdsprache in Bonn, Lissabon und Berlin. Derzeit lebt und arbeitet sie in Berlin. Für Berlinda schreibt und übersetzt sie.
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