„Staatsbürger zu sein, heißt nicht, in der Gesellschaft zu leben, sondern sie zu verändern”
Augusto Boal, Begründer des Theaters der Unterdrückten.
Man möchte dem Leben und der Liebe danken, dass sie uns diese Frau nach Berlin gebracht haben. Bárbara Santos, ausgebildete Soziologin, geborene Kämpferin und 14 Jahre lang Leiterin des Centro do Teatro do Oprimido in Rio de Janeiro, zog aus familiären Gründen nach Berlin. Und zweifellos hat die Stadt dadurch viel gewonnen.
Was viele nicht wissen, ist, dass sich diese Arbeit auf über 70 Länder auf der ganzen Welt erstreckt und von unzähligen Organisationen wie der UNESCO und UNICEF unterstützt wird. Das Theater der Unterdrückten, in den 70er Jahren von Augusto Boal geschaffen, geht von der Annahme aus, dass Theater eine grundlegende und gemeinsame Ausdrucksform der gesamten Menschheit ist, unabhängig von Abstammung, Geschlecht, Religion, sozialer Schicht oder Bildung. Die Hauptziele sind die Demokratisierung der Theaterproduktionen, die Zugänglichkeit für benachteiligte Schichten zu diesen Produktionen und die Veränderung der Realität durch das Theater. „Als Augusto Boal begann, Theater zu machen, machte er politisches Theater. Es war die weiße Mittelklasse, die dem Volk sagte, was es zu tun habe, um sich aus seiner Unterdrückung zu befreien. Ihm wurde klar, dass dies nicht funktionieren konnte, denn man gab den anderen guten Rat, dabei war es viel wichtiger, dass die anderen für sich selbst sprachen. Also schuf er das Theater der Unterdrückten. Die Idee dahinter ist, dass die ganze Welt ein Theater ist. Die Unterdrückten sollen auf ästhetische Weise ihre Realität erkennen. Es ist Theater, das von Unterdrückten für Unterdrückte gemacht wird und ein sehr klares Ziel hat, die Realität zu verändern“, sagt Bárbara Santos.

Bárbara Santos bei einer Veranstaltung des Theater des Unterdrückten, Indien 2010.
Intervention und Dialog
Die Verbindung zu Berlin besteht schon seit vielen Jahren. 1998 gingen drei Berliner Studenten nach Rio de Janeiro, um im Centro do Teatro do Oprimido zu lernen, an dem Bárbara Santos Koordinatorin war. Nach der Rückkehr nach Berlin schlugen sie dem deutschen ASA-Programm vor, einen Austausch mit Rio zu schaffen, 1999 kam eine Gruppe Brasilianer zum Kennenlernen der deutschen Partner nach Deutschland. 2002 gab es einen neuen Ausflug von deutscher Seite und Bárbara Santos lernte ihren jetzigen Mann kennen. „Ich hielt es für unmöglich, zum Leben hierher zu kommen. Das erste, was mir unmöglich schien war, wie viel die Menschen hier rauchen.” Aber nach sieben Jahren in Brasilien entschieden sie, nach Berlin zu ziehen, um bei der Tochter von Christoph zu sein, die hier zur Universität geht.
Der Gedanke, das Theater als Ausdrucksform für Probleme und die Veränderung der Realität zu nutzen, hat sich in alle Winkel der Welt ausgebreitet. „In Mosambik begann alles mit einem Mosambikaner namens Alvim Cossa, der sich für ein Stipendium der UNESCO für Afrika und Asien bewarb, und unser Zentrum war einer der Orte, an dem man die Bewerbung durchführen konnte. Er blieb vier Monate bei uns und als er nach Maputo zurückkehrte, begann er, Theater der Unterdrückten mit seiner konventionellen Theatergruppe zu machen. Das war 2001. Heute gibt es in allen 11 Provinzen Mosambiks Theatergruppen der Unterdrückten.”
In den Theaterstücken gibt es immer eine Situation der Unterdrückung und eine Frage wird gestellt. In einem bestimmten Moment mitten im Stück unterbricht einer der Trainer und fragt die Zuschauer nach ihrer Meinung. So soll der Dialog gefördert werden, die Menschen sollen ihre Gedanken mitteilen und sich aktiv an der Lösung des Problems beteiligen – das auch ihr Problem ist. „Wir spielen ein Stück und dann ist das Publikum aufgefordert, zu intervenieren. Was würden Sie tun, wenn Sie an der Stelle dieser Person wären? Und wenn Sie eine Idee haben, müssen Sie in das Stück einsteigen, die Rolle einnehmen und improvisieren. Danach diskutieren wir mit den Zuschauern – ja, das könnte funktionieren, nein, das klappt nicht, etc. Das Ziel ist nicht nur eine Diskussion der Unterdrückten zu dem Problem anzustoßen, sondern auch einen Dialog über dieses Problem mit der Gesellschaft zu führen. Es muss ein konstruktiver Dialog sein: Was ist Ihr Vorschlag? Wie intervenieren wir, um die Realität zu verändern? Die Realität erscheint manchmal sehr weit weg, sehr komplex, wie etwas, das man nicht verändern kann. Das Theater ist ein Abbild der Realität, eine Metapher, und hier kann man etwas bewegen.” Und wenn man das Abbild verändern kann, dann fehlt nicht mehr viel, um auch die Realität zu verändern. Es sind die ersten Schritte hin zur Veränderung.
Klicken Sie an um ein Videobesispiel des Theater der Unterdrückten zu sehen.
Die Unterdrückten Magdalenen
Zu den jüngsten Neuerungen des Theaters der Unterdrückten gehört die exklusive Arbeit mit Frauen. „Überall, wo wir hingehen, ist die Unterdrückung der Frau ein Dauerthema. Uns wurde klar, dass wir einen Raum schaffen müssen, in dem diese Themen bei einer gewissen Intimität und ohne Männer angesprochen werden können.” Indem das maskuline Element wegfällt, können gewisse Themen ohne Scham und ohne Konkurrenz unter den Frauen diskutiert werden. So entstanden die Workshops der „Unterdrückten Magdalenen” (Madalenas Oprimidas), benannt zu Ehren von Maria Magdalena, der biblischen Figur, die vermeintlich eine wichtige Rolle einnahm, die vom Christentum jedoch heruntergespielt wurde. Die Ergebnisse waren sehr ermutigend. „In den afrikanischen Ländern ist es gang und gäbe, dass Organisationen von Männern geführt werden. Zwar gibt es auch Mitarbeiterinnen, aber der Präsident ist immer ein Mann, ebenso der Vizepräsident und der Berater des Präsidenten, erst danach kommen die Frauen.” Oft sind es die Frauen selbst, die sich in diese Position bringen. „In Guinea-Bissau gab es eine Frau, die wirklich genial war, eine geborene Führerin, aber sie sagte stets von sich selbst ‘Ich bin der Schatten von José Carlos’. Ein Schatten hat kein eigenes Leben, es ist eine Abhängigkeit. Nach dem Prozess der Unterdrückten Magdalenen war es sehr interessant zu sehen, wie die Machtpositionen innerhalb der Theatergruppe und die Position der Frauen in Führungsrollen sich veränderten.”

Die Unterdrückten Magdalenen in Guiné Bissau, 2010.
Eine Bombe in Berlin
In Berlin hat Bárbara Santos Workshops in Schulen, mit jungen Flüchtlingen, Emigranten oder Kindern von Emigranten durchgeführt. Aus einem dieser Workshops ging vergangenes Jahr das Theaterstück „Passt oder passt nicht?” hervor, in dem Probleme wie Migration und Integration aufgegriffen werden. Durch diese Kontakte bekommt sie ein etwas anderes Bild der Stadt. „Ich kenne ein Berlin, das viele nicht kennen. Es ist eine Stadt mit Konflikten, in der es Gewalt, Armut und Not gibt. Die meisten Menschen aus meiner Schicht kennen diese Seite nicht. Natürlich kenne ich auch das Berlin des Prenzlauer Berges oder Kreuzbergs, da wohnen viele Freunde von mir, aber ich habe eben auch das wahre Gesicht der Stadt gesehen. Zum Beispiel Jugendliche aus Wedding, die Neukölln gefährlich finden, weil es dort viele Gangs gibt, und die Jugendlichen aus Neukölln, die wiederum Wedding für gefährlich halten... Sie haben Codes, die die Stadt nicht zu lesen weiß.” Und sie spart auch nicht an Kritik am deutschen Bildungssystem.
„In Brasilien denkt man, dass in Europa alle studieren, dass alle lesen und schreiben können und aufs Gymnasium gehen. Und ich musste feststellen, dass dies für viele Jugendliche ein unerreichbares Ziel ist.” Das liegt an der frühen Einteilung in den Schulen, bei der aufgrund der Leistungen für jeden Schüler festgelegt wird, in welche Schulform er anschließend gehen darf. Die Schüler mit dem wenigsten schulischen Erfolg werden in die Schulen gedrängt, in denen sie wenig lernen, die guten Schüler gehen indes auf das Gymnasium und können anschließend studieren. „Dieser Perfektionismus, mit dem gesagt wird, wer darf und wer nicht, ist sehr ausgrenzend. Meine Erfahrung in Schulen in Weißensee und Wedding mit vielen Konflikten mit Kindern von Emigranten ist, dass es eine Spannung gibt, die nie angesprochen wird. Ich sehe, wie hier Probleme, die ich aus Rio de Janeiro kenne, entstehen. Es gibt eine Spannung, die missachtet und nicht mit der nötigen Sorgfalt analysiert wird, und in zehn Jahren wird sie zu einer Bombe. Die Kinder aus öffentlichen Schulen glauben nicht an sich selbst. Ich habe Kinder getroffen, die mit Stolz sagen, sie gehen auf die schlechteste Schule von Berlin. Als ob sie sagen wollten, auch wir haben eine Identität, auch wenn sie zweifelhaft ist. Aber was sie sagen, hängt damit zusammen, was die Lehrer ihnen erzählen. Komm etwas vorwärts, aber nur ein bisschen, denn du wirst ein Arbeiter werden. Ich spreche von elf oder zwölf Jahre alten Kindern.”
Um dieses und andere Probleme zu betrachten, zu diskutieren und sie anzugehen, hat die Brasilianerin einen Raum namens Kuringa geschaffen, der im Rahmen des Theaters der Unterdrückten für Gruppen, Training und Ausbildung dient. Die Einweihung findet am 3. September statt. „In Berlin gibt es viele Menschen, die mit dem Theater der Unterdrückten arbeiten, aber vor allem auf der Ebene der Universität und der pädagogischen Reflexion... Unsere Zusammenarbeit steht ganz im Sinne des ursprünglichen Konzeptes, der Gemeinschaftsarbeit, der Schaffung von Kollektiven, die die Realität verändern wollen. Nicht nur allgemein über die Welt diskutieren, sondern Konkretes anpacken”. Bei der Einweihung werden das Projekt und das internationale Netzwerk vorgestellt, zudem gibt es Performances und die Präsentation der Webseite.

Bárbara Santos im KURINGA, in Berlin.
„Ich möchte eine Verbindung zu Berlin haben, ein Kollektiv zur Zusammenarbeit schaffen. Und wenn ich in ein paar Jahren nicht mehr hier wohne, werde ich diese Gruppe haben, die Brücken bauen wird. Das ist es was ich mache, ich baue Brücken zwischen Orten. Ich kann über den Computer in Kontakt mit Menschen in Guinea-Bissau, in Kroatien, in Spanien sein... aber die Stadt, in der ich wirklich leben möchte, ist Rio de Janeiro.”
Eröffnung des Raumes KURINGA
3. September, 19:30 Uhr
Mit besonderem Dank an Sofie Schulz für die Übersetzung ins Deutsche.
31.08.2011
von BERLINDA
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Die Realität verändern. Bárbara Santos und der Raum KURINGA
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