In der Buchhandlung "A Livraria " begrüßte die Deutsch-Brasilianische Gesellschaft Berlin Fernando Molica zum "Literarischen Café". Der Schriftsteller und Journalist las aus seinem Roman "Krieg in Mirandão" (2002), einem Krimi aus den Favelas Rio de Janeiros. Anschließend diskutierte das Publikum mit dem Autor sowie seinem Übersetzter Michael Kegler über die Kriminalität in Rio, die Verantwortung der Medien und Molicas nächstes Romanprojekt.

Der brasilianische Schriftsteller und Journalist Fernando Molica. Foto: (c) A Livraria.
Fernando Molica, in Ihrem Roman, "Krieg in Mirandão " schmiedet eine linke Studentenorganisation eine Allianz mit dem organisierten Drogenhandel der Favelas. Ziel der "Conexão Revolucionária" ist es, für einen politischen Umbruch zu kämpfen. Woher kam die Idee zu Ihrem Roman?
Anfang der 1990er Jahre sprach ich mit dem Befreiungstheologen Leornado Boff. Er berichtete mir von einer Stadtguerrila, die in Rio den bewaffneten Kampf aufnehmen wolle. Boff war sehr besorgt darüber. Für einen journalistischen Artikel war das recherchierte Material jedoch nicht ausreichend – für die Idee zu einem Roman hingegen schon.
Was fasziniert Sie an einer Verbindung zwischen der intellektuellen Linken und den "Traficantes"? Und halten Sie eine derartige "Conexão" für möglich?
Weniger, mein Roman ist reine Fiktion. Als Idee fasziniert mich eine Allianz trotzdem, es ist vor allem die Widersprüchlichkeit. Die linke Studentengruppierung verfolgt das Ziel einer Umverteilung im marxistischen Sinne. Sie liefert das politische Bewusstsein. Im Gegensatz dazu sind Kriminelle aus dem Drogenmilieu durchweg kapitalistisch eingestellt. Beim Drogenhandel geht es nicht darum, möglichst alle am Profit teilhaben zu lassen. Es geht um die Bereicherung des Einzelnen – notfalls durchgesetzt mit Waffengewalt. Die "Conexão Revolucionária" versucht nun, eine Revolution unter Einbindung der unteren sozialen Schichten in Gang zu setzen – das unterscheidet sie von denjenigen, die in den 70er Jahren gegen die Militärdiktatur kämpften.

Der Übersetzer und Literaturkritiker Michael Kegler (links) und der Schriftsteller Fernando Molica (rechts). Foto: (c) A Livraria.
Sie haben mehrere Romane und Reportagebücher geschrieben. Der deutsche Titel ihres Romans "Krieg in Mirandão" ist wesentlich dramatischer als der der Originalversion, "Notícias do Mirandão ".
Der Titel ist gerechtfertigt. Ich bin geborener Carioca, und in Rio kann man wirklich von einem Krieg zwischen dem organisierten Drogenhandel und der Staatsmacht sprechen. Armut und Reichtum liegen dicht beieinander, die Favelas wachsen mitten in der Stadt und die Kriminalität ist inzwischen eklatant. Um sie einzudämmen, werden von der Regierung neuerdings "Befriedungsmaßnahmen" durchgeführt – und wenn man etwas "befrieden" muss, dann herrscht Krieg.
Was sind "Befriedungsmaßnahmen"?
Bisher war es die Strategie der Polizei, unerwartet die "Morros" zu stürmen. Dabei gab es Schießereien und viele Tote auf beiden Seiten, darunter auch Unschuldige. Nachhaltig gebracht haben diese Invasionen nichts.
Neuerdings versucht die Regierung, die Favelas langfristig militärisch zu besetzten, um den Drogenhandel zu vertreiben. Selbst Panzer kommen dabei zum Einsatz. Eingesetzt werden dabei vor allem sehr junge Soldaten, die noch nicht in Korruption verstrickt sind. Das ist meiner Meinung nach eine intelligente Strategie. Flankiert wird die "Befriedung" von sozialen Maßnahmen. Die Ursache der Kriminalität, die Armut, ist dabei natürlich nicht behoben. Brasilien hat eine extreme soziale Schieflage – und selbst wenn das Land wächst, das "Schiefe" wird mitwachsen. Die Gesellschaft ist strukturell gewalttätig. Wir führen einen Krieg im Inneren.
Sie arbeiten seit 30 Jahren als Journalist, waren Reporter für TV Globo, aktuell für die Zeitung "O Dia". In Brasilien hat man den Eindruck, die Kriminalität würde durch blutige Geschichte über "die" Favelas medienwirksam ausgeschlachtet. "Arm sein" wird mit "kriminell sein" gleichgesetzt, die sozialen Unterschiede werden durch Vorurteile manifestiert. Stimmt dieser Eindruck?
Sicher gibt es Kritik an einigen Journalisten zu üben, die das Bild über die Favelas polemisch hochtunen, nur damit sie die Angst schüren und eine gute Story verkaufen könne. Und eine Gleichsetzung von arm und kriminell ist falsch. Auch wird ein Teil der Gewalt in den Favelas ja von der Staatsmacht selber, also von der Polizei provoziert. Daher kann ich den Eindruck zum Teil nachvollziehen.
Man muss bei der Berichterstattung über die Kriminalität jedoch bedenken, dass es einen Wandel gegeben hat. Nach Ende der Militärdiktatur stellten sich die Medien sehr auf Seite des kriminellen Milieus, warben im Sinne der Menschenrechte für Verständnis und Toleranz. Man schrieb "dagegen", vor allem gegen die Polizei und Staatsgewalt. Heute ist die Kriminalität in Rio derart eklatant, dass die Toleranz gesunken ist. Die Leute möchten nicht mehr "verstehen", warum jemand mit einem Maschinengewehr mordet.
Sind Sie als Journalist selber in den Favelas unterwegs, um zu recherchieren?
Für mich hat die "Recherche auf der Straße" immer zu meiner Arbeit gehört. Früher als Fernsehreporter noch mehr als heute.
Wie ist das Verhältnis der Journalisten zu den Favelas?
Es ist schwieriger geworden. Früher musste man sich zwar auch die Erlaubnis vom "Chef des Morros" holen, um recherchieren zu dürfen, dann aber war alles in Ordnung. Heute begegnen wir zunehmender Aggressivität. Trauriger Höhepunkt war der Tod meines Kollegen Tim Lopes von Rede Globo. 2002 recherchierte er auf einem "Baile Funk" in einer Favela Rios – und wurde gekidnappt, gefoltert und ermordet.

Begeistertes Publikum bei Fernando Molicas Lesung in A Livraria. Foto: (c) A Livraria.
Im März nächsten Jahres erscheint ein neuer Roman von Ihnen. Wir die Gewalt in Rio wieder Thema sein?
Nein, diesmal schreibe ich einen Familienroman mit biographischen Zügen aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg. Mein Urgroßvater war klassischer Komponist, leider blieb ihm die Anerkennung für sein musikalisches Lebenswerk verwehrt. Er war eine faszinierende Persönlichkeit in einer Welt des Umbruchs.
Eine letzte Frage: Was begeistert Sie als Journalist am fiktionalen Schreiben?
Im Journalismus muss man immer mit "hart" recherchierten Fakten arbeiten, in der Belletristik hingegen kann man ganz frei das zu Papier bringen, was nicht in der Zeitung stehen "darf". Vor allem bei meinem neuen Roman interessieren mich die persönlichen Schmerzen und Konflikte eines einzelnen Menschen – und für diese bietet eben nur die Fiktion genügend Platz.
Protokoll: Saskia Vogel
Dieser Artikel wird in der nächsten Ausgabe der Zeitschrift Tópicos erscheinen.
26.09.2011
„Brasilien führt einen Krieg im Inneren“: Fernando Molica
Deutsch
von Saskia Vogel
Saskia Vogel hat an der FU Berlin Germanistik und Lateinamerikanistik studiert. Sie arbeitet als Autorin und Kolumnistin für die „Kreuzberger Chronik", den Weddinger "Kiezboten“ und das deutsch-brasilianische Magazin "Tópicos". Hauptberuflich ist sie Lektorin in der Zeitungsredaktion einer Finanzgruppe.
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