Carola Saavedras Roman Paisagem com dromedário (Landschaft mit Dromedar) arbeitet stark mit Klang; die Hauptfigur Érika nimmt Nachrichten an ihren ehemaligen Geliebten Alex auf. Auf youtube gibt es einen kleinen Ausschnitt des Romans, der von Geräuschen und Bildern untermalt wird und der illustriert, wie Geräusche und Stimmaufnahmen miteinander verbunden sind. Was sagt die Autorin selbst über diesen Aspekt ihres Romans?
BERLINDA: Carola Saavedra, Érika, ihre Hauptfigur in Paisagem com dromedário setzt sich anhand der Aufnahmen hauptsächlich mit Verlust auseinander – Verlust der Freundschaft, der Liebe und der eigenen Identität. Das geschieht in einer ungewöhnlichen literarischen Form. Weshalb haben Sie diese Geschichte in dieser speziellen Form, zwischen der Flüchtigkeit von Geräuschen und ihrer Fixierung durchs Aufnehmen oder Aufschreiben erzählt?

B: Könnten Sie allgemein das Verhältnis von geschriebenem und gesprochenem Wort, also das Verhältnis von Klang und Symbol in Paisagem com dromedário beschreiben?
CS: Paisagem com dromedário ist ein Simulakrum, eine Nachahmung der gesprochenen Sprache. Wenn man wirklich jemanden aufnehmen würde, egal wie interessant und ausgefeilt diese Person auch sprechen würde, wäre das wahrscheinlich keine Literatur. Die Literatur spielt mit der Wahrscheinlichkeit, sie tut so als ob das, was erzählt wird, wirklich passiert wäre; sie verleiht dem, was eigentlich zufällig ist eine Bedeutung, einen Sinn. Denn die Wahrscheinlichkeit hat nichts mit dem echten Leben zu tun. Wie oft lesen wir in der Zeitung etwas, das uns vollkommen absurd vorkommt. Käme das in einem Roman vor, würden wir sofort sagen, ach, das würde doch so nie passieren! Die Literatur etabliert also eine bestimmte Logik, sie schließt eine Art Pakt mit dem Leser, der in meinem Roman eben die Illusion von gesprochener Sprache betrifft. Darüber hinaus hat mich in diesem Zusammenhang interessiert, wie man eine klangliche Dramaturgie in den Text einflechten kann; ich wollte an der Grenze zwischen Buchstabe und Klang arbeiten. Ganz so, als ob die Geräusche, die ich einbeziehe, das Gesprochene interpunktieren, als Kommata, als Fragezeichen, etc.
B: Die Aufnahmen sind ja Nachrichten an einen abwesenden Mann, Alex. Das erinnert an Ihren letzten Roman, Flores azuis, in dem eine Frau Briefe an ihren abwesenden Liebhaber schickt und diese Briefe einen völlig anderen Mann verführen. Ihre ersten drei Romane bilden, wie Sie selbst betonen, einen Zyklus. Wie sind sie verknüpft? Und kann man sagen, dass sie sich alle um das Thema der Anwesenheit und der Abwesenheit drehen?
CS: Die drei Romane bilden einen Romanzyklus über unterschiedliche Erzählformen. Beim Schreiben geht es mir vor allem um zwei Dinge. Zum einen möchte ich eine Geschichte erzählen, die den Leser verführt, mit glaubwürdigen Figuren, mit konkreten Situationen; zum anderen setze ich mich beim Schreiben mit genuin literarischen Fragestellungen auseinander: Wie soll eine Geschichte erzählt werden? Welche Rolle soll der Leser spielen? Welche Funktion soll der Autor erfüllen? Mit anderen Worten, ich versuche literarisch zu denken, über das Schreiben selbst zu reflektieren. Daher kommt diese Idee. Alle drei Romane arbeiten mit unterschiedlichen Formen, unterschiedlichen Strukturen. Toda terça ist wie ein Puzzle konstruiert, funktioniert wie ein Modell, in das der Leser als eine Art Co-Autor eingeplant ist. Einige Kapitel fehlen, und der Leser kann sie, wie fehlende Puzzlestücke, anhand der Informationen, die er bekommt, rekonstruieren. Flores azuis dagegen dreht sich direkt um das Thema Autor/ Leser, beide tauchen als Figuren auf, stellen Spiegelfiguren des tatsächlichen Autors (also mir) und des Lesers dar, der das Buch in den Händen hält. Die Grundidee ist, dass das, was man schreibt nie das ist, was der andere liest; da ist etwas, das uns trennt. Paisagem com dromedário nimmt eben gesprochene Sprache und Geräusche in den Text auf, wie eine Art Hörspiel. Die Geräusche, die aufgenommen werden, wie das Rauschen des Meeres, Dialogfetzen, Radiosendungen etc., fließen alle in die Dramaturgie ein. Um die Auseinandersetzung mit Anwesenheit/ Abwesenheit geht es in allen drei Romanen, denn es gibt immer eine Nachricht, die nie, oder wenn dann nur verändert ankommt, sei es, weil der, für den sie bestimmt war, abwesend ist, oder, weil der Absender gar nicht existiert. Was wir letzten Endes an Konkretem haben, ist nur die Nachricht (das Buch selbst).

Paisagem com dromedário, der letzte Roman Carola Saavedras.
B: Manche Schriftsteller, das sagt man jedenfalls, sehen ihre Figuren wie in einem Film. Wie ist das bei Ihnen generell und war das bei Ihrem letzten Roman anders?
CS: Nein, bei mir ist das nicht so, denn ein Film ist etwas, das außerhalb unserer selbst stattfindet, wenn ich ein Buch schreibe, bin ich in der Figur drin, sehe sie nicht von außen. Beim Schreiben bin ich meine Figur, ich denke wie sie, folge ihrer Logik. Es herrscht absolute Empathie. Auch wenn ich die Entscheidungen oder Einstellung der Figur in moralischer Hinsicht vielleicht nicht teile, verurteile ich sie nicht, sondern kann sie nachvollziehen. Nehmen wir zum Beispiel Érika. Sie lässt ihre sterbende Freundin im Stich, das finde ich ganz fürchterlich, das würde ich selbst niemals tun, denn es geht gegen meine Auffassung von Menschlichkeit. Doch als Autorin kann ich absolut verstehen, warum eine Figur tut, was sie tut, ich verstehe ihre Ängste, ihre Blockaden, ihre Feigheit. Ich stimme nicht zu, kann aber nachvollziehen; so kann ich lebendige, ganze, glaubwürdige Figuren schaffen. Als Schriftstellerin sehe ich meine Rolle nicht darin, über richtig und falsch zu entscheiden; als Schriftstellerin will ich die menschliche Natur darstellen, ihre guten wie schlechten Seiten. Das ist ein Ansatz, den ich in all meinen Romanen verfolge.
B: Man kennt das ja von sich: Wenn man eine Fremdsprache spricht, verändert man sich – sei es nur der Tonfall, die Intonation oder auch die Körpersprache; manchmal eignen wir uns sogar Ticks an... Sie sprechen ausgezeichnet Deutsch, haben in Deutschland gelebt, Herta Müllers Atemschaukel übersetzt und schon ein paar Lesungen mit deutscher Übersetzung gehalten. Wie verändert sich Ihre Hauptfigur und wie Ihre Romane generell, wenn sich plötzlich die Sprache ändert?
CS: Das ist eine sehr spannende Frage. Vor kurzem wurde ich darum gebeten, eine Crônica (spezielle literarische Form, eine Art Glosse, hauptsächlich für Zeitungen benutzt) für eine Anthologie zu schreiben, die in den USA und in Spanien erscheinen sollte. Ich reichte meinen Text auf Portugiesisch ein und die Organisatorin fragte mich, ob ich ihn nicht ins Spanische übersetzen könnte (schließlich ist das ja meine Muttersprache). Ich dachte kurz drüber nach und ziemlich bald wurde mir klar, dass das unmöglich wäre, ich könnte nie einen meiner eigenen Texte ins Spanische übersetzen, denn jeder Versuch, würde darin enden, den Text umzuschreiben. Will heißen, das, was ich da gesagt hatte, konnte nur so, von mir, auf Portugiesisch gesagt werden, auf Spanisch würde ich es völlig anders ausdrücken, auch wenn es um genau den selben Inhalt ginge. Als sie mir dann die Übersetzung der Crônica schickten, war das ganz komisch für mich – vielleicht auch, weil es sich um einen sehr persönlichen Text handelte, einen autobiografischen (ich habe da ein bißchen über meine Familie geschrieben, was ich in meinen Romanen nie mache). Es war irgendwie, als würde ich einen Text meiner Doppelgängerin lesen, von der Person, zu der ich geworden wäre, wenn ich als Dreijährige nicht nach Brasilien gezogen wäre, sondern in Chile geblieben wäre. Natürlich ist das eine unmögliche Doppelgängerschaft, aber die Idee war doch da.
Zu Deutsch habe ich einerseits größere Distanz, andererseits ist die weniger stark. Ich habe nicht nur viele Jahre in Deutschland gelebt, sondern sozusagen im Deutschen. Wenn Chile also für jemanden steht, der ich hätte sein können, steht Deutschland für jemanden, der ich wirklich viele Jahre lang war und der mich irgendwie auch zu der Person gemacht hat, die ich heute bin. Deshalb ist die deutsche Übersetzung eine Art Relektüre, als ob ich über diese andere Sprache überraschende Aspekte in meinen eigenen Worten entdecken würde. So als ob mir meine Figuren plötzlich ein Geheimnis verraten wollten.
B: Nun haben wir lange über Klang und mögliche Erzählformen gesprochen: Werden sich auch Ihre nächsten Arbeiten mit diesen Themen auseinandersetzen? Worauf darf man gespannt sein?
CS: Mein nächstes Projekt (auch ein Roman) wird ganz anders werden, als alles, was ich bisher gemacht habe und sich auch von diesem Romanzyklus unterscheiden, der mit Paisagem com dromedário abgeschlossen ist. Doch andererseits gibt es das, was ich als mein literarisches Konzept bezeichne, mein Ziel, das, was mich an der Literatur interessiert. Das hat sich nicht verändert. Etwas, das sich schwerlich in Worte fassen lässt, irgendetwas, das sich im Tonfall, in den Worten wiederfindet und durch das der Leser auch bei den unterschiedlichsten Themen erkennt, dass da der selbe Autor schreibt.
B: Herzlichen Dank für das Interview.
Das Interview wurde von Barbara Bichler geführt.
25.10.2011
Worte und Klang: BERLINDA-Interview mit Carola Saavedra
Deutsch
von Barbara Bichler
Barbara Bichler (*1980) studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft,
Portugiesisch, Kunstgeschichte und Deutsch als Fremdsprache in Bonn, Lissabon und Berlin. Derzeit lebt und arbeitet sie in Berlin. Für Berlinda schreibt und übersetzt sie.
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