„Aus Brasilien kommt literarisch nichts Neues!“, raunt man polemisch unter Kennern. Doch ist dem wirklich so? Oder haben solcherlei Einschätzungen damit zu tun, dass Paulo Lins’ „Cidade de Deus“ (dt. Die Stadt Gottes) als Film doch viel, viel eingängiger ist, dass Clarice Lispectors Bücher selbst auf Deutsch viel zu verschwurbelt sind, Chico Buarque doch ... halt, ist der nicht Musiker... und Paulo Coelho, naja, dann eben irgendwie doch keine Literatur schreibt? Die brasilianische Literatur hat es schwer in Deutschland – was sich hoffentlich spätestens mit der Frankfurter Buchmesse 2013 ändert und vielleicht sogar schon davor:
Tapfer trat ein Dreigespann aus Literatur- und Lateinamerikawissenschaftlern unter dem Motto „Literarisches Terzett“ an, zu beweisen, dass es eben doch Neues gibt. Feinsinnig und kritisch präsentierten die Experten sechs Bücher, die kürzlich erschienen sind, blieben mit Witz und Enthusiasmus bei der Sache und gönnten sich nur kurze Exkurse in literaturwissenschaftliche Soli. Die neuen literarischen Stimmen Brasiliens, so der Tenor dieses Abends im Kulturforum am Potsdamer Platz, sind nicht zu überhören!
Die Romane, die Susanne Klengel, Peter W Schulze (beide Lateinamerikainstitut der FU Berlin) und Henry Thorau (Universität Trier; Präsident des Deutschen Lusitanistenverbandes) unter der Moderation von Peter B. Schumann präsentierten, wollen wir auch hier kurz vorstellen.

Drei Romane der neuen Generation Brasilianischer Schriftstellern, die vom „Literarischen Terzett“ präsentiert wurden.
Spot on: São Paulo.
Luiz Ruffato: „Eles eram muitos Cavalos“ (2001; dt: Es waren viele Pferde)
Ein einziger Tag in 69 Episoden – Luiz Ruffato schafft eine filmische Skizzierung seiner Heimatstadt, indem er keine durchgängige Geschichte erzählt, sondern kurze Spotlights auf die unterschiedlichsten Charaktere São Paulos wirft. Ruffato zeigt den Alltag der unterschiedlichen sozialen Schichten unvermittelt und mitleidslos und führt in den fragmentarischen, unverbundenen Kapiteln São Paulos gesellschaftliche Zersplitterung vor, statt sie zu diskutieren. Anhand von persönlichen Notizen, Ausschnitten von Speisekarten oder Zeitungsanzeigen werden unvermittelte Alltagsbilder in die 69 Kapitel hineingeschnitten.
Henry Thorau beschreibt diese Erzählweise und die Montage der Kapitel sehr eingängig: Wie aus einem Polizeihubschrauber, der bei Nacht über São Paulo kreist und mit dem Suchscheinwerfer unterschiedliche Spots ausleuchtet, sind im Roman Szenen aus unterschiedlichsten Milieus und Gegenden der Millionenstadt nebeneinander- und gegeneinandergestellt. So skizziert der Roman mit literarisch-experimentellen Mitteln der klassischen Avantgarde die moderne, heterogene Stadt. Und legt dabei den Finger durchaus in Brasiliens soziopolitische Gesellschaftswunden – ohne jedoch zu einem literarischen Pamphlet zu werden, wie sie aus der brasilianischen Literatur der 1960er Jahre so bekannt sind.
120 Seiten Sexorgie
Reinaldo Moraes. Pornopopéia (2009; Das Pornoepos)
Flüche, Fäkalausdrucke, harter Slang – in einem derben, wirbelnden Selbstgespräch reißt Zeca den Leser in sein Leben. Er ist mehr als ein Taugenichts, ein malandro, ein Pikaro – er ist ein frustrierter, zweitklassiger Filmemacher und ein Junkie in den 40ern, der einzig seinen Sohn vor seinem lebensmüden Sarkasmus verschont. Ziemlich genervt von seinem neuen Auftrag, einen Film über Hühnerfrikadellen zu machen, schwallt und flucht er los, als ob er auf der nächsten Seite sterben müsste – getrieben von der Lust auf ein neues Bier und der Obsession nach Sex. In einem phantastischen Trip durchquert er die boheme Unterwelt São Paulos und nimmt (120 Seiten lang) an einer exzessiven Sexorgie teil. Die letzten Worte allerdings bleiben Zeca im Halse stecken, bricht das Epos doch mitten im Sat...
Henry Thorau nennt Moraes Epos einen „bramarbasierenden Monolog“; die brasilianische Presse bezeichnete den fulminanten Wortwirrwarr aus Wortneuschöpfungen, filmischer Sprache und lautschriftlichem Jargon, der sich zu einer exzessiven Sound- und Bilderflut vermengt, als orthographischen Gruppensex. Na dann!
Die Geborgenheit der Gosse
Ivana Arruda Leite: Hotel Novo Mundo (2009; Hotel Neue Welt)
Ivana Arruda Leite spricht als Frau; in Hotel Novo Mundo leiht sie der schonungslosen, sarkastischen Renata, die sich mit ihrem zerborstenen Leben konfrontiert, eine lakonische Stimme. Über Jahre hinweg hat sie sich benutzen lassen. Nun flieht sie aus Rio de Janeiro, aus einem Leben aus Reichtum und Schein, und begibt sich in einem angeranzten Hotel in einem Glasscherbenviertel São Paulos auf die Suche nach sich selbst. Dabei begegnet sie Spiegelfiguren ihrer selbst, wie etwa einem kleinen Mädchen, dessen Herz nach einer OP heilen muss. Oder dem kleinen, dicken Divino, der muffig riecht und Renata doch die Geborgenheit und Zuneigung schenkt, die sie in der Welt der reichen vermisst hat.
In Hotel Novo Mundo haben die Menschen sprechende Namen: Ist renatas erster Mann ein Despot namens César, kann Divino mit „der Göttliche“ übersetzt werden. Er bringt die Neue Welt zum Leuchten, in der Renata ihre Selbstschöpfungsgeschichte vollzogen hat – leider nicht zu einer emanzipierten Frau in einer realen Welt, sondern zu einem göttlichen Anhängsel in einer Metapher der Elendsidylle.
Synästhetische Klanglandschaft
Carola Saavedra: Paisagem com Dromedário (2010; „Landschaft mit Dromedar“)
Wir lesen Érikas Geschichte nicht, wir hören sie: In 22 Audioaufnahmen an ihren Liebhaber Alex, einen egomanen Installationskünstler, rekonstruiert Érika ihr Leben. Die amouröse Beziehung zwischen ihr, Alex und ihrer besten Freundin Karen bildet ein Bermudadreieck der Gefühle zwischen Abhängigkeit, Angst vor Verantwortlichkeit und Flucht. Wie kann sie ihre Eigenständigkeit wiedergewinnen? Warum hat sie Karen verraten, als diese krebskrank im Sterben lag?
Dabei geht es neben den großen Themen Liebe, Freundschaft und Tod vor allem darum, „wie mit Klang literarisch umgegangen wird“ (Peter W Schulze): Die lakonischen Tonbandaufzeichnungen werden immer wieder – durch visuelle Markierungen im Text hervorgehoben – von anderen Stimmen und Nebengeräuschen des Lebens durchbrochen und verflechten sie sich zu einer mehrstimmigen, synästhetischen Klanglandschaft.
In Brasilien wurde Saavreda als Erneuerin des Briefromans gelobt und als einzige der hier vorgestellten Autoren für den Literaturpreis Prêmio Jabuti nominiert. Zurecht.
Vererbtes Trauma
Michel Laub: O Diário da Queda (2011; Tagebuch eines Sturzes)
Beim religiösen Initiationsfest Bar Mitzwa einer rein jüdischen Schule wird ein Junge verletzt. Der einzige Goi; der einzige Nichtjude. Mit der Erinnerung an dieses Erlebnis als 13jähriger beginnt für Michel Laubs Ich-Erzähler eine retrospektive Analyse seiner jüdischen Identität und Geschichte. Geschickt werden in ihr brutale Ausgrenzung und unschuldige Zugehörigkeit, unwillkürliche Täterschaft und schuldbehaftetes Opferdasein so unlöslich ineinander geflochten, dass eine klare Abgrenzung von Täter und Opfer scheitern muss. Schnell wird klar, dass die Geschichte des jüdischen Jungen auch die seiner Vorfahren ist; seines wortkargen Vaters, der erst Worte für die Erinnerung findet, als er der paradigmatischen Krankheit des Vergessens, Alzheimer, anheim fällt und die seines Großvaters, der sich in seinem Tagebuch sein Leben nach Auschwitz schöngeredet und Brasilien als glorreiches Land stilisiert hatte. Erst über die Lektüre Primo Levis ahnt der Enkel, welches Trauma ihm die Generationen von Auschwitz vererbt haben – und welch tiefe Verantwortung er wiederum für die Zukunft seines Sohnes trägt.
Das Himmelblau im Rabenschwarz
Adriana Lisboa: Azul-corvo (2010; Rabenblau)
Alle sind Unterwegs in Azul-corvo, zwischen den Ländern und Kulturen: Vanja erzählt von ihrer anglo-brasilianischen Mutter Susana und deren Weg mit dem brasilianischen Ex-Partisanen Fernando von London nach New Mexiko. Sie erzählt von ihrer Suche nach ihrem US-amerikanischen Vater, im Zuge derer sie mit Fernando nach Colorado geht. Sie erzählt vom Wandel des einstigen kommunistischen Kämpfers gegen die brasilianisch Militärdiktatur zum Wachmann einer Bibliothek im Land des Klassenfeinds.
Neben einer mutigen und ernsten Auseinandersetzung mit der jüngeren brasilianischen Geschichte, ist Azul-corvo vor allem ein Roman über Zugehörigkeit und Identität. Beides lässt sich nicht durch Herkunft gewinnen. Vanja baut sich ihre Identität anhand der Sprache auf: Indem sie die englischen Klänge poetisch verfremdet, schafft sie sich ihren Raum in der Vielzahl der Umherreisenden, die Adriana Lisboa so nüchtern, elegant und treffend zeichnet „Todos, sem exceção, se tornam inesquecíveis, magnificamente pintados pela escrita sóbria, elegante e segura que caracteriza e identifica Adriana Lisboa.“, stellt Luiz Ruffato fest, Autor des ersten vorgestellten Romans Eles eram muitos cavalos.
So schließt die Vorstellungsrunde der neuen Schriftstellergeneration Brasiliens mit den Worten des ersten vorgestellten Autors über den letzten vorgestellten Roman.
Man darf hoffen, dass das von Susanne Klengel, Peter W Schulze und Georg Wink für Herbst geplante Symposium einen ebenso variantenreichen und breit gefächerten Einblick in die brasilianische Literaturszene gibt – und sich noch stärker auf die jüngere Generation konzentriert (Infos über die Website des Lateinamerikainstituts der FU Berlin). Insgesamt kann man dem oben angesprochenen Tenor zum einstimmigen grande final des literarischen Abends nur laut Beifall klatschen: Die brasilianischen Stimmen sind vielfältig und hörenswert! Bleibt zu hoffen, dass das Megaphon Frankfurter Buchmesse sie gebührend verstärkt.
Text: Barbara Bichler
5.10.2011
Drogen, Gewalt, Sex, oder: Gibt‘s was neues in der Brasilianischen Literatur?
Deutsch
von Barbara Bichler
Barbara Bichler (*1980) studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft,
Portugiesisch, Kunstgeschichte und Deutsch als Fremdsprache in Bonn, Lissabon und Berlin. Derzeit lebt und arbeitet sie in Berlin. Für Berlinda schreibt und übersetzt sie.
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