Woher weiß man, was es Neues gibt in der brasilianischen Literatur? Wie kann man in der schier endlosen Fülle an jungen Autoren und aktuellen Tendenzen die Spreu vom Weizen trennen, wenn der Faktor Zeit uns noch nicht bei einer Auswahl helfen kann? Namen wie Adriana Lisboa, Luiz Ruffato, Tatiana Salem Levy und Carola Saavedra klingen für die portugiesischsprachigen Lesern schon vertraut (oder sollten es zumindest). Aber was ist mit den vielen, vielen anderen? Könnte ein Indiz für die Qualität eines Werkes sein, dass es übersetzt wird (in dem Sinne, dass tendenziell eher gute Literatur übersetzt wird)? Was also macht die aktuelle brasilianische Literatur aus? Was kann ein Leser erwarten, der sich auf dieses Neuland begibt?
Noch bis zum 10. Dezember widmet sich die Tagung Novas Vozes – Junge Literatur aus Brasilien, veranstaltet vom Lateinamerikainstitut der FU Berlin, diesen und anderen Fragen. Sowohl im Eröffnungsvortrag von Friedrich Frosch, Universität Wien, als auch bei der anschließenden Diskussion mit Lígia Chiappini, Henry Thorau und Susanne Klengel ging es darum, ein Panaroma der brasilianischen Literatur zu zeichnen. Dabei wurde rasch klar, dass ein Laie zwischen all den Namen und literarischen Strömungen leicht den Faden verlieren kann.
Dazu kommt die Schwierigkeit für die brasilianische Literatur, im Ausland durch Übersetzungen wahrgenommen zu werden. In Europa scheint noch immer die Idee vorzuherrschen, ein brasilianischer Roman müsse vor „brasilidade“ nur so strotzen, er müsse also bunt und exotisch sein, Themen wie Samba oder Amazonien behandeln. Viele wehren sich dagegen, brasilianische AutorInnen als Teil eines globalen Kontexts zu begreifen, der den Puls der Weltliteratur mitbestimmt.
Nach Henry Thorau kam es Mitte der 1980er Jahre zu einer Wende in der brasilianischen Literatur: standen bis dato politische oder ideologische Themen im Vordergrund, konzentrierten sich die AutorInnen ab dieser Zeit immer mehr auf sich die eigene Identität und Sexualität und griffen das Thema der urbanen Gewalt auf. Thorau vergleicht diese Wende hin zur Subjektivität mit der, wie sie in den auslaufenden 1970ern und beginnenden 1980ern als Gegenbewegung zur Politisierung der 1968er-Generation in Westdeutschland stattgefunden hatte.

Von Links nach Rechts: Henry Thorau, Ligia Chiappini, Friedrich Frosch und Susanne Klengel. Foto (c) Berlinda.
Wenn deutsche Verlage tatsächlich auf der Suche nach „dem großen brasilianischen Roman“ mit vielschichtigen Erzählsträngen, vielen Figuren, gewisser Exotik und einem opulenten Stil sind, haben die aktuellen, kurzen Romane, die oftmals ums eigene „Ich“ kreisen, geringe Chancen übersetzt zu werden. Dann hat man in Deutschland weiterhin wenig Ahnung, was in der aktuellen Literatur Brasiliens passiert. Hoffentlich ändert sich daran etwas durch die Frankfurter Buchmesse 2013, bei der Brasilien als Gastland eingeladen ist.
Lígia Chiappini verweist in diesem Zusammenhang auf ein Interview mit Chico Buarque de Holanda, in dem der Musiker und Schriftsteller über die die Schwierigkeiten brasilianischer Literatur auf dem europäischen Markt spricht, die die Musik nicht betreffen: „Dass die [brasilianische] Musik bekannter ist [als die Literatur] hängt damit zusammen, dass sie [die Europäer] sich ein bisschen gegen die Idee wehren, ein brasilianischer Schriftsteller könnte innovativ sein – das ist in der Musik völlig anders. Da akzeptieren sie ohne Scheu die Originalität der brasilianischen Popmusik (MPB), aber die Literatur sehen sie unter größeren Vorbehalten. Sie sehen Brasilien noch immer als Land, das sich auf in einem niedrigeren Entwicklungsstand befindet, was Kreativität in der Musik begünstigt. Für mich war es immer schwierig zu erklären, warum ich etwas aufgab, was ihnen viel marktfähiger erschien, viel angemessener, für etwas anderes, bei dem die Europäer den Brasilianern eine kalte Dusche verpassen.“ (aus einem Interview für die Zeitung Folha de São Paulo, am 09/01/94).
Laut Lígia Chiappini kann und darf man sich nicht darum drücken, kritisch über die jungen brasilianischen AutorInnen zu sprechen, um ein Verständnis für die neuen Tendenzen zu schaffen und eine Auslese zu treffen. Vor allem in Zeiten, in denen so viel Information über Kanäle wie das Internet zirkuliert, sieht Chiappini es als Aufgabe der Wissenschaft, sich kritisch zu äußern.
Diese kritische wie auch informative Stimme wird sicherlich eine unter einer Vielzahl sein, die an der FU zu hören sein werden. Mit einem abwechslungsreichen Programm und vielschichtigen Themen von Identität über Regionalismus, homosexuelle Literatur, Fußball bis hin zu afro-brasiliansichem Schreiben, verspricht die Tagung Novas Vozes, als Kompass durch die weitläufige brasilianische Literaturlandschaft zu führen.
Novas Vozes - Junge Literatur aus Brasilien: vom 8. bis 10. Dezember 2011
Sprache: Portugiesisch und Deutsch.
Text: Ines Thomas Almeida
Mit besonderem Dank an Barbara Bichler für die Übersetzung ins Deutsche.
9.12.11
von Berlinda
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